Spiegelwelten


Dass verschiedene Weltsichten parallel existieren, dass Häresien sich gängigen Lehrmeinungen
entgegensetzen oder anekdotische Gegendarstellungen zur offiziellen Geschichtsschreibung kursieren, ist
kein neues Phänomen. Auch dass poetische Texte und politische Rede oft zuerst anderen Interessen als der
wahrheitsgetreuen Wiedergabe von Sachverhalten verpflichtet sind, ist allgemein bekannt und wird auch
vom adressierten Publikum kaum anders erwartet.
Dass heute, da Wahrheit selbst in der Wissenschaft, die sich von Beginn an der Wahrheitssuche und -findung
verschrieben hatte, ein weitgehend gemiedener Begriff ist, ist auf erkenntnistheoretische Einsichten in die
Schwierigkeiten bei der Bestimmung absoluter, allgemeingültiger Wahrheiten, deren Existenz gerade in
sozialen Zusammenhängen zweifelhaft geworden ist, zurückzuführen. Trotz der sich daraus ergebenden
Relativierung, die sich in multiperspektivischen Vorstellungen von gleichzeitig vorhandenen verschiedenen
Lebenswelten mit jeweils eigenen „Wahrheiten“ widerspiegelt, galt in gesellschaftlichen Diskursen jedoch
bis vor einiger Zeit noch weitgehend ein gewisser Anspruch an die Wahrhaftigkeit der darin vertretenen
Positionen.

Die Flut von „alternativen Fakten“, von schwer widerlegbaren Halbwahrheiten bis hin zu schlecht bis
überhaupt nicht kaschierten Lügen, die nicht nur in abseitigen Internetforen, sondern selbst auf den höchsten
Ebenen des offiziellen Politikbetriebs ganz selbstverständlich Verbreitung finden, macht deutlich, dass auch
dieser Konsens der Vergangenheit angehört. Spätestens seit der COVID-19-Pandemie wird dabei auch
öffentlich zunehmend auf neue wie auch alte Verschwörungsmythen Bezug genommen, die gerade im Netz
der unbeschränkten Möglichkeiten nach Herzenslust variiert und weitergegeben werden können, ohne damit
als besonders verrückt aufzufallen. Die Produktion alternativer Weltbilder, Einordnungen tatsächlicher oder
schlicht behaupteter Ereignisse, einschließlich des Ausmachens von Schuldigen für tatsächliche oder eben
einfach empfundene Problemlagen, läuft so auf Hochtouren. Sie bildet eingeschworene Gemeinschaften mit
jeweils eigenen Feindbildern, lässt sich je nach Bedarf nutzen, eigene Macht- und Geltungsansprüche zu
untermauern und schafft, nebenbei, neue Karrieremöglichkeiten. Und sie lässt zunehmend fraglich werden,
in wieweit sich überhaupt noch von „der Gesellschaft“ sprechen lässt, wenn die darin Versammelten in
grundlegend verschiedenen Welten leben.

Diese Tendenz wird noch dadurch gesteigert, dass sich durch meist als künstliche Intelligenz bezeichnete
Mustererkennungssoftware immer wirklichkeitsnäher wirkende Bilder und Videos erstellen lassen. Diese
zuvor als geradezu ultimativer Wahrheitsbeweis geltenden Medien werden so zunehmend zweifelhaft, ohne
dabei ihre Suggestivkraft einzubüßen. Große Sprachmodelle wie ChatGPT referieren frei und scheinbar
selbstsicher zu jedem gewünschten Thema. Auch deren Erzeugnissen wird scheinbar von vielen Menschen
bereitwillig Glauben geschenkt, so als hätten wir es hier tatsächlich mit einer höheren Intelligenz zu tun,
während ihre tatsächliche Funktionsweise meist unverstanden bleibt. So werden sie, als „Black Box“, selbst
zur Projektionsfläche, können als allmächtige Problemlöser oder als bedrohliche, gar feindliche Übermacht
erscheinen.
Dabei wird selbst bei kritischen Betrachtungen oftmals übersehen, dass auch digitale Technologien nicht
ohne physische Komponenten auskommen, dass ihre scheinbar unbegrenzten Fähigkeiten mit einem
enormen Bedarf an Energie, Rohstoffen und Infrastruktur verbunden sind, die wiederum nicht von
menschlicher Arbeit zu trennen sind. Dass die führenden KI-Programme von Unternehmen mit ganz
konkreten marktwirtschaftlichen Interessen entwickelt und bereitgestellt werden, führt nicht ganz zufällig
dazu, dass diese zu einer gewissen Gefälligkeit neigen, die ausgegebenen Texte etwa der Haltung bzw. den
Vorannahmen der Person anpassen, die sie nutzt. So werden sie eher zu Mitteln der Selbstbespiegelung als zu
Instrumenten der Aufklärung.

Diese komplexe Problematik bildet den Hintergrund unseres Jahresthemas „Spiegelwelten –
vom Ende der Wahrheit zum Traum der KI“. Wir suchen Durchblick im Siegelkabinett, vom technischen
Verständnis bis zu sozialen Dynamiken, Konsequenzen und damit verknüpften Vorstellungen. Wir verbinden
diskursive Auseinandersetzung und aufklärerischen Anspruch mit spielerischem Experimentieren. Wir sind
gespannt auf neue Perspektiven.

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